Interview mit Olaf Terhorst – dem 1. Vorsitzenden

Lest hier schon einmal das Interview mit Olaf, einem der Initiatoren des Trägervereins, zu den Ideen und Hintergründen:

stars: Hey Olaf – wir eröffnen ja im Mai/Juni 2015 die street art school nun offiziell. Kannst Du, als einer der Gründer, kurz sagen, WAS wir sind?

Olaf: Ha! Wir sind die street art school! Wobei: Das klingt ein wenig wie „Wir sind die Borg“. Und dann müsste ja kommen „Widerstand ist zwecklos – Sie werden assimiliert“. Ganz so heftig sind wir nicht ;-). Wobei ich mich sehr freuen würde, wenn in Zukunft mehr Menschen verstehen, was street art alles ist und wofür es steht. In diesem Sinne wollen wir schon Menschen mit bestimmten Gedanken „assimilieren“.
Aber zurück zur Frage: Wir sind die street art school. Wir möchten vier Dinge sein:
1. Atelierfläche – für street art KünstlerInnen
2. Schule – für solche, die street art verstehen und lernen wollen
3. Galerie – um Kunstwerke von KünstlerInnen auch in dieser exponierten Form der Öffentlichkeit zu zeigen
4. Begegnungsstätte – für Menschen, die sich rund um das Thema street art austauschen wollen

stars: Für viele ist ja der Begriff „street art school“ ein Widerspruch in sich. Ebenso wie „street art galerie“. Wie stehst Du dazu?

Olaf: Ich kann gerade bei letzterem den Widerspruch erkennen. Beim ersteren gar nicht. „street art galerie“ ist wirklich eine seltsame Wortkombination – sofern man sich einen geschlossenen Raum vorstellt, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die „street art“ wird ja eigentlich per Definitionem für Jeden in dem öffentlichen Raum hergestellt. Und auch in der Szene ist der Trend höchst umstritten, street art in Galerien zu zeigen – oder gar explizit für Galerien herzustellen. Zumal es einige KünstlerInnen gibt, die scheinbar nur noch „für die Galerie“ produzieren. Aber ich finde, die KünstlerInnen wollen auch von irgendwas leben. Und wenn sie es schaffen sollten, komplett von ihrer Kunst zu leben: wunderbar! Für einige ist das aber schon zu kommerziell. Ich persönlich freue mich für jede/n, der von seiner/ihrer Kunst leben kann. Und wenn er/sie dabei entscheidet, nicht mehr auf der Straße aktiv zu sein: ich nenne das künstlerische Freiheit. Und Meinungsfreiheit, wenn andere das nicht gutheißen.

Bei „street art school“ sehe ich keinen Widerspruch. Es gibt ja auch Kunst(hoch)schulen und keiner regt sich darüber auf. Ich glaube daran, dass man Kreativität fördern kann, dass man Techniken erlernen kann, dass man Historie begreifen kann, von anderen lernen kann. Und anschließend entweder neue Dinge kann, oder alte Dinge besser kann und die Welt genauer erkennt oder mit anderen Augen sieht. Ich möchte, dass dies alles in der street art school geschieht. Ich hoffe, dass es uns gelingt, den Jugendlichen und Erwachsenen, die unsere Kurse besuchen werden, die Hintergründe – und zwar die politischen, gesellschaftlichen, aber auch kunstgeschichtlichen – von dieser speziellen Kunstform zu vermitteln.

stars: Magst du uns erzählen, wie du auf die Idee gekommen bist?

Olaf: Klar – gern. Wobei: Es ist ein bisschen peinlich. Denn das Ganze begann als recht egoistisches Ding – und das finde ich eben peinlich, aber so ist es eben. Ich suchte selbst nach Atelierflächen, da mein Keller absolut zu klein ist, für etwas Kunstschaffendes. Und in meiner Wohnung wollte ich nicht „rumsauen“.

stars: Bist du denn selbst ein streetartist?

Olaf: Neineinein. Ich bin ein „Freund“ der street art; ich bin ein „Interessierter“. Interessiert an den Menschen, die es machen. Interessiert an den Ideen, die dahinter stecken. Aber auch interessiert an den Techniken, um street art Kunstwerke herzustellen und in die Öffentlichkeit zu bringen. So habe ich angefangen, mich schlau zu machen, zu lesen und zu schauen. Und sogar ein paar Dinge für den Hausgebrauch zu gestalten – quasi zur Verschönerung meiner eigenen vier Wände. Und um das ein oder andere Geschenk anzufertigen. Dabei bin ich auf den Geschmack gekommen – und wollte gerne mehr machen. Aber mir fehlte ein Raum, um überhaupt anzufangen, mich „auszutoben“.

stars: Und dann dachtest du, du gründest eine Schule?

Olaf: Eins nach dem anderen. Ich war auf der Suche nach einer Atelierfläche in der Nähe meiner Wohnung, die sich erst auf der Schanze und nun auf St. Pauli befindet. Dann las ich in der Zeitung von „soziokulturellen Flächen“ in der Rindermarkthalle, die zu Selbstkostenpreisen an „Projekte“ zu vergeben wären.

stars: Und da hast du dich beworben?

Olaf: Ja, genau! Nur konnte ich ja schlecht schreiben, dass ich für mich selbst eine Atelierfläche suche – das klingt ja alles andere als „soziokulturell“. Also habe ich mir die Vergabekriterien genauer angeschaut. Und es gab eine Reihe von Kriterien, die eine „Vergabekommission“ erstellt hatte. Der Ausbau der Rindermarkthalle war und ist ja ein stark umstrittenes Unterfangen. Daher hatten sich Stadt und Projektierer auf die Einrichtung einer Vergabekommission geeinigt. Dort musste man sein Konzept einreichen, um für eine sogenannte „Shortlist“ nominiert zu werden. Hatte man das geschafft, musste man sein Konzept zusätzlich mündlich vor der Kommission präsentieren und quasi „verteidigen“.

stars: Und was waren das für Kriterien?

Olaf: Weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau. Es sollte auf alle Fälle einen Stadtteilbezug haben. Und etwas Kulturelles. Und etwas Soziales.

stars: Aber das sind ja gleich drei Dinge auf einmal? 😉

Olaf: genau 😉 … klingt wie ein Überraschungsei. Überraschend war höchstens, dass es ein sehr anstrengendes Verfahren war. Die Vergabekommission war voll von Interessenvertretern unterschiedlichster Couleur. Lokalpolitik at its best. Ich bewundere Menschen, die sich dieser Ebene des politischen Geschehens regelmäßig aussetzen. Ein teils fürchterliches Gezanke über Punkt und Komma in Protokollen. Aber so ist es eben.

Egal – Kriterien waren mir im Grunde genommen Wurscht und ich habe das politische Hick Hack für mich außen vorgelassen: Ich wollte eine soziokulturelle Fläche! Also habe sie genommen, wie sie sind und mir überlegt, was ich schreiben muss, um die Kriterien zu erfüllen. Ich habe mich auf einer Dienstreise abends im Hotel hingesetzt und versucht etwas zu beschreiben, das alle Kriterien abdeckt. Stadtteilbezug: St. Pauli, Karo, Schanze: Da komm ich her, da tobt die street art, das ist DAS Zentrum überhaupt für street art in Hamburg … es soll für Menschen aus den angrenzenden Vierteln eine Begegnungsstätte sein, hier soll man sich kontrovers mit dem Thema auseinandersetzen können … es soll sich insbesondere an Jugendliche aus dem Stadtteil wenden, die angeleitet werden sollen, ihr kreatives Potential auf legalem Wege zu entfalten …
Und so schrieb ich vor mich hin, und da ich hauptberuflich Unternehmensberater bin, kann ich ganz gut Präsentationen für ein bestimmtes Zielpublikum erstellen. Und so entstand eine schöne Powerpoint-Präsentation – wie es sich für so’n Unternehmensberater eben gehört. Nach dem ich dann 15 Seiten geschrieben hatte, hab ich das erst mal sacken lassen. Und je länger ich das Ganze sacken ließ, desto besser gefiel mir das. Nach kurzer Zeit war ich von der Idee total begeistert. Das hab ich weiter ausgebaut. Ein Verein muss her, das wird ein Atelier und eine Schule und eine Galerie (wieder drei Dinge auf einmal), die Sachen, die beschafft werden, stehen den Vereinsmitgliedern zur Verfügung usw., usw. Teilen statt Besitzen! Das kam wiederum mir total entgegen. Schließlich wollte ich ja auch ein Stück Atelier, ohne eigentlich viel Zeit zu haben. So habe ich letztendlich eine Idee entwickelt, in der ich alles vereinen kann: Meine Begeisterung für street art, mein Anliegen die street art zu fördern – und meinen Wunsch ab und an auch einen Atelierplatz zu besitzen. Dementsprechend authentisch und ehrlich habe ich das auch vorgetragen. Und wie gesagt: Das Ding war rund, ich kann verkaufen, ich war selbst davon überzeugt und begeistert – da hält mich ehrlich gesagt so schnell nix mehr auf. Und so hab ich das einfach durchgezogen … bis heute 🙂

stars: Wie lange dauerte das alles?

Olaf: Von der ersten Idee bis zur Zusage durch die Vergabekommission dauerte es ca. sechs Monate. Seitdem sind noch einmal ca. 20 Monate vergangen, bis es nun endlich losgehen soll. Zwischendurch lagen viele, viele bürokratische Akte: Vergabekommission, Auswahl der Fläche in der Rindermarkthalle, Mietvertrag, Vereinsgründung,  Bankkonto, Bescheinigung über Gemeinnützigkeit, Gedanken über die Raumgestaltung, Verhandlung mit dem Vermieter, den Nachbarn, den Architekten, wo sollen die Steckdosen hin, wo die Tür etc. pp., die Genehmigung für die (Um-)Nutzung des Raumes als Werkstatt, die Genehmigung für den Betrieb einer Farbnebelabsauganlage …

stars: Oh – ist denn schon irgendwas da?

Olaf: Doch, doch – am 18.09. war ja schon die Eröffnung der Rindermarkthallen. Und im Januar 2015 wurden dann auch die „soziokulturellen Flächen“ fertig. Seitdem bauen wir aus und bereiten uns vor. Wir stecken alle voller Ideen, was wir alles machen wollen .. und anbieten wollen … Siebdruck, Styrocut, Stencils, Kleber-Manufaktur, Graffiti-Workshops, Schulungen, Künstlervermittlung, … Wir platzen vor Ideen und müssen uns auf die Dinge bechränken, die wir stemmen können.

stars: Ist das ein Aufruf?

Olaf: Jein – wir sind ja schon einige. Aber wir freuen uns natürlich über helfende Hände bei den Vorbereitungen und der Finanzierung. Interessenten, Spendenwillige, Fördermitglieder und Freiwillige können sich gerne über info@street-art-school.de bei uns melden. Oder über unsere Facebook Seite 😉

stars: Vielen Dank. Dann lass uns mal Endspurten 🙂

Comments are closed